Die Sonette 1: Widmung

Die Sonette sind jemandem gewidmet. Die Widmung schreibt der Autor. Wenn er denn noch lebt. Wer denn sonst?!

(Gibt es Beispiele in dieser Zeit für Werk-Widmungen, die nicht vom noch lebenden Autor stammen? Das wäre zu prüfen.)

Warum schreibt die Widmung also der Herausgeber, Thomas Thorpe? Und nicht der (angebliche) Autor Shakespeare? Der lebt doch noch, ist oft in London …

Interessiert sich dieser William Shakspere aus Stratford nicht für die Veröffentlichung seiner Werke? Den Eindruck hatten wir schon im Hinblick auf die vielen Quarto-Veröffentlichungen seiner Dramen. Offensichtlich hat sich der Autor nicht um Druck und Qualität gekümmert. Auch nicht darum, dass ca. 80 (?) Dramen, die er definitiv nicht geschrieben hat, unter seinem Namen veröffentlicht worden sind.

Wie können wir uns dieses Desinteresse gerade an der Veröffentlichung der Sonette erklären? – Eigentlich gar nicht. Es gibt keine plausible Theorie dazu.

Eine peinliche Situation für die Stratfordianer. Wie winden sie sich heraus?

Ach, Shakespeare sei halt mal wieder nicht in London gewesen, als sich Thorpe an die Herausgabe der Sonette gemacht hat. – Ist das ein Argument? Wieso weist der Autor den Verleger nicht an, noch etwas zu warten? Oder er schickt ihm den Text der Widmung per Brief?

Ach, Shakespeare habe die Sonette einfach dem Verleger Thorpe verkauft. – Einfach so. Diese nun wirklich intimen und problematischen und außergewöhnlichen persönlichen Bekenntnisse hat er einfach mal so dem Verleger verkauft?

Ja, warum nicht? Es waren doch bloß Poesie-Spielereien, es war reines Sonett-Theater, ohne biographischen, ohne persönlichen Bezug. Allenfalls dekorativ wertvoll.

Ganz so deutlich wollen es die Stratfordianer natürlich nicht ausdrücken, aber in diese Richtung gehen ihre Gedanken. (Die Leser von damals waren allerdings keine postmodernen Anglisten. Sie werden das Ich der Sonette für den realen Autor genommen haben.)

Hat dieser Autor wenigstens die Reihenfolge der Sonette festgelegt? (Die Ordnung in drei Abteilungen, dazu dann die in sich schlüssige dramatische Sequenz der fair-youth-Liebesgedichte?) Das ist unter den orthodoxen Interpreten umstritten.

Könnte Thorpe die Sonette gegen den Willen des Autors veröffentlicht haben? – Dazu hätte er sie so komplett erst einmal in die Finger bekommen müssen. Außerdem juristische Sanktionen befürchten müssen. – Das ist also auch keine plausible Annahme.

Was bleibt? – Thorpe hat die Sonette vom (angeblichen) Autor zur Veröffentlichung bekommen, mit dem Hinweis, die Widmung bitte selber zu verfassen und dabei darauf zu achten, dass niemand den „only begetter“ erraten kann. (Obwohl er leicht aus den Widmungen der beiden Versepen erschlossen werden kann.)

Halten wir fest: Es gibt keine plausiblen Erklärungen dafür, warum der noch lebende Autor der – offensichtlich inhaltlich hoch-problematischen – Sonette die Veröffentlichung und die Widmung nicht selbst in der Hand behält.

Das ist noch kein Grund, die Autorschaft des Mannes aus Stratford auszuschließen; aber ein Grund zum Zweifel, ob er der Autor ist. Es ist ein Indiz. Nur das erste in der Sonett-Reihe.

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