Stratford-upon-Avon: „bawdy court“

Bei Schoenbaum (S.396) als „Ohnflats-Gericht“ übersetzt. Offiziell: Der Kirchengerichtshof.

Dieser „Gerichtshof für schlüpfrige Angelegenheiten“ – eigentlich: peculiar court, also Gerichtshof für spezielle Angelegenheiten – untersteht dem Vikar der Stadt. 1605 – 1619 war das der moderate Anglikaner John Rogers.

Der Vikar als Vorsitzender dieses Gerichts zieht u. a. alle Fälle öffentlich bekannt werdender sexueller Verfehlungen an sich und spricht Urteile und Strafen aus.

Ein Fall betrifft Thomas Quiney, der Judith Shakspere im Februar 1616 heiratet.

Thomas Quiney hat im Jahr zuvor Margaret Wheeler geschwängert, die Tochter des Boten Randle Wheeler. Die Frau stirbt mit ihrem Kind im März 1616 bei der Geburt. Thomas Quiney wird daraufhin vom „bawdy court“, dem lokalen Kirchengericht, angeklagt und verurteilt.

Er muss sein Vergehen vor dem Gericht und dann öffentlich vor der Gemeinde reumütig gestehen und sich der weiteren Buße bereitwillig unterwerfen.

Die öffentliche Buße hätte der Regel gemäß so ausgesehen: An drei Sonntagen soll er vor dem Gottesdienst vor der Kirche antreten – „in a white sheet (according to custom)“. Er muss außerdem sein Verbrechen auch öffentlich vor dem Pfarrer von Bishopton eingestehen.

Der erste Teil des Urteils wurde ihm erlassen, man begnügte sich mit einer Geldstrafe (5 Schilling, die den Armen zu spenden waren). Da Bishopton nur eine kleine Kapelle hatte, entging Quiney auch der öffentlichen Demütigung in Stratford.

Shaksperes mit dem Druck der Sonette öffentlich bekundeter Ehebruch hätte 1609 vermutlich vor diesen „Gerichtshof für schlüpfrige Angelegenheiten“ kommen müssen.

Oder nicht? War dieser Gerichtshof im Falle eines besonders reichen und mächtigen Gentleman nicht zuständig? Oder hat man gesagt: Was ein Stratforder in London macht, ist egal?

Ich vermute, dass man in Stratford nicht so liberal mit einem per Druck öffentlich gemachten Ehebruch umgegangen wäre.

Aber das wäre zu untersuchen.

Offensichtlich verfügen wir noch über viele Dokumente, die Fälle dieses Stratforder Kirchengerichts betreffen. Es wäre eine lohnende Aufgabe, sie gründlich zu studieren und für eine Darstellung der Moral und des öffentlichen Umgangs mit Moralangelegenheiten im Shakespeare’schen Stratford zu nutzen.


Eine erstaunliche Fülle von Beispielen liefert Nicholas Fogg in seinem Buch über die Geschichte der Stadt: Stratford-upon-Avon. The Biography. 2014.


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