Stratford-upon-Avon: Der Welcombe-enclosure-Konflikt

Die Combe-Familie ist wohl die reichste in Stratford-upon-Avon. John Combe, der führende Wucherer der Stadt, ist Shaksperes Freund. Sein Sohn Thomas wird im Testament ehrenhalber Shaksperes Schwert erhalten.

Der Bruder von Thomas, William, ist der Mann, der (ab 1614) mit aller Gewalt zu seinen finanziellen Gusten die Einhegung (enclosure) der Wilcote-Grundstücke im NO der Stadt durchsetzen will – gegen die dortigen Pächter (husbandmen), die Weideland für ihr Vieh verlieren würden, gegen die corporation (die Stadtregierung), die den dortigen Zehnten und noch mehr verlieren würde; auch gegen den den Willen des Vikars, John Rogers.

William Combe kümmert sich nicht um die Einsprüche. Er ist High Sheriff und meint, reich genug zu sein an Finanzen und Beziehungen nach oben, um den Kampf durchzustehen. Profit ist ihm wichtiger als die Akzeptanz vor Ort. So lässt er 1614 in dem Bereich, den er einhegen will, einen langen Graben anlegen. Seine Gegner schütten den Graben wieder zu. Combe schickt Schläger gegen sie aus und kommentiert verächtlich die Prügel, die seine Gegner beziehen, diese „Puritanerknechte“.

On the evening of Saturday 7 January William Combe let it be known that he had heard ’some of the better sort would go to throw down the ditch. Master Chandler was told by Master Bayliss that Combe ground his teeth and snarled ‚O would they durst‘ in ‚great passion and anger‘. The following Monday Master Chandler went to see Combe for himself and told Greene on his return that Combe called them all ‚facticious knaves‘, ‚puritan knaves‘ and ‚underlings in their colour‘, threatening to dem them all the mischief he can.

Greer, zitiert aus Edmondson/Wells, Shakespeare’s Circle, S. 117

Shakspere und sein präsumtiver Erbe, John Hall, scheinen sich hauptsächlich herauszuhalten. Sie sehen auch die Erfolgschancen von William Combe mit skeptischen Augen.

Der Kampf zieht sich über Jahre hin, teils direkt auf den Feldern oder in Stratford, etwa in Form von Prügeleien oder als „Krieg“ gegen die Pächter, vor allem vor den Gerichten – es dauert bis 1619, bis William Combe endlich aufgibt.

Nicholas Fogg (Stratford-on-Avon. The Biography. – 2014), der über den Kampf ausführlich berichtet, meint, Shakspere habe hier klar gegen Combe gestanden. Bearman (Shakespeare’s Money. – 2015) ist da anderer Meinung. Shakspere war Freund der Combes, hat sich erst einmal bei ihnen abgesichert, dass er selber keine Nachteile aus der enclosure erleidet – und im übrigen der Stadt und den Betroffenen nicht geholfen beim Widerstand.

Das also wäre zu prüfen. Generell erkennt man bei Stratfordianern den Versuch, ihren Helden im möglichst freundlichen Licht erscheinen zu lassen – alles wird zu seinen Gunsten ausgelegt.

Dass der 1614 verstorbene Vater (John Combe, der Wucherer) und der Bruder von William (Thomas Combe) enge Freunde von Shakspere waren und dass die beiden vermutlich eher hinter den Aktionen von William Combe standen, nehme ich zunächst einmal an. Und folgere daraus, dass sich Shakspere zumindest nicht direkt gegen Combes für die Stadt schädliches Projekt gewandt hat.

Wie immer: Es ist bei den Dokumenten zu diesem Konflikt einige Male die Rede von William Shakspere – aber natürlich nie mit einem Hinweis darauf, dass er auch ein berühmter Dichter wäre. Oder ein Mann der Kunst.

Warum taucht diese Geschichte trotz ihres interessanten Bezugs zu Shakespeare nicht (oder, wenn ausnahmsweise einmal doch, nur sehr verkürzt) in den Shakespeare-Biographien auf? – Weil wir hier erleben, wie unser Geschäftsmann nichts mit dem Dichter gemein hat. Er ist eben nur einfach ein reicher, erfolgreicher Geschäftsmann der Stadt Stratford.

Ein solches Bild möchte man den Lesern und Verehrern Shakespeares nicht gerne zumuten. Den Lesern der Biographien wird nicht verheimlicht, dass Shakespeare auch ein gewiefter und erfolgreicher Geschäftsmann war – aber es wird nicht in seinem Ausmaß, nicht in seiner Dominanz deutlich. Es wird nicht deutlich, wie sehr die Fülle der Dokumente darauf verweist, dass Shakespeare/Shakspere auf jedenfall primär ein Geschäftsmann war und die Kunst für ihn keine Hauptrolle spielte, keine Präferenz hatte.

Dabei könnte man offensichtlich ein ganzes spannendes Buch schreiben über den dramatischen und gewalttätigen Versuch von William Combe, die Wilcote-enclosure durchzusetzen, und den faszinierenden Widerstand, den die Pächter und die Stadtregierung leisten – und über die Rolle, die dabei unser Shakspere spielt. (Hätte er da nicht noch ein dramatisches Theaterstück draus machen können?)

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