Stratford-upon-Avon: grammar school

Die Lateinschule befand sich im 1. Stock der weitläufigen Guild Hall (dem Rathaus). Sie wurde als King‘ new school 1556 begonnen, gemäß der Verfassung, die noch unter King Edward beschlossen worden war.

Etwa 40, vielleicht auch einmal bis zu 60 Schüler werden sie besucht haben, alles Jungs, alle von Familien, die die Gebühren bezahlen konnten. Alter: ab 7 bis max. 15 Jahre. (Rechnen wir: Pro Jahrgang wird es in der Stadt und der näheren Umgebung etwa 30 – 35 Jungs gegeben haben. Verteilen wir sie auf 7 Jahrgänge, sind es ca. 200. 40 von ihnen wären ein Fünftel der Jungs der Stadt. Berücksichtig man, dass manche Schüler weniger als 7 Jahre am Unterricht teilgenommen haben, kommt man auf etwa ein Viertel unter den jungen Leuten der Stadt, die ordentlich lesen, schreiben und Latein gelernt haben. Ein beträchtlicher Anteil. Einige wenige von ihnen werden wohl auch literarisch inspiriert worden sein, obwohl das nicht das Ziel des Unterrichts war und die Methoden davon eher abgeschreckt haben.)

Der Schulleiter bekam 20 Pfund und eine relativ billige Wohnung, zumeist im Guild-Hall-Komplex. (Ein guter Facharbeiter konnte 15 Pfund im Jahr verdienen. Der Vikar bekam ebenfalls 20 Pfund von der Stadt.)

In den ersten 25 Jahren wechselten sich immerhin acht verschiedene Schulmeister ab – es gelang der Stadt nicht, Qualität und Kontinuität zu sichern. 1581 – 1624 war es dann Alexander Aspinall, der beides vereinen konnte, gefolgt von John Trapp 1624 – 1669.

Wann könnte William Shakspere Schüler gewesen sein, wenn er denn einer gewesen ist? (Es ist jedenfalls wahrscheinlich.) Erst hat er wohl etwas Englisch lesen gelernt, bevor er zugelassen wurde. Das könnte dann um 1674 gewesen sein, also noch in der Zeit des raschen Wechsels, noch vor Aspinalls Regime.

Der Schulleiter hatte in Stratford einen Assistenten. Das war bei 40 Schülern nötig. Die saßen alle in einem Raum zusammengedrängt auf Bänken, die Bücher auf den Knien, so auch schreibend. Der Lehrer thronte auf einem repräsentativen Stuhl, der eventuell erhöht stand. Alle Jahrgänge werden zugleich unterrichtet.

Latein = Kultur. Kultur = Latein. Der Unterricht orientierte sich an der Kultur des Humanismus: Latein und noch einmal Latein, repetitiv, stur, langweilend. Die Lehrer Tyrannen, humorlos, bei Fehlern prügelnd. (Es gab sicher Ausnahmen. Aber damals galt als guter Pädagoge, wer „streng“ war – also konsequent zugeschlagen hat.)

Ein wesentlicher Teil des Unterrichts war Religion: die englische Version der Reformation wurde eingeprägt, auch im Rahmen der lateinischen Bibellektüre.

In einer ersten Stufe paukte man die lateinische Grammatik anhand des Lily. Auf der nächsten Stufe las man erste Texte, etwa Äsops Fabeln, Catos Distichien, Culmans Sententiae puerilis. Dann kamen die Meister dran: Terenz, Ovid, Horaz, Vergil, Seneca, Erasmus (seine Adagia) und nicht zuletzt Cicero. (Sicher nicht alle in allen grammar schools; der Lehrer konnte bzw. musste auswählen, und es standen nicht alle Bücher in allen Lateinschulen zur Verfügung.)

Wort für Wort wurde analysiert, die jeweiligen Grammatikregeln immer wieder, kaum die Philosophie im Text oder der tiefere Sinn oder die künstlerische Leistung. Auch in der höchsten Stufe war das nicht vorgesehen. Immerhin gab es dann etwas Rhetorik und Logik, aber nur erste Anfänge davon.

Gelegentlich konnte mal ein Terenzstück von den Schülern aufgeführt werden. (Stark gekürzt und gereinigt?)

Es war sturer Lateinunterricht, auch dann, wenn man literarisch bedeutende Autoren grammatisch und lexikal zergliedern musste. Es war kein Literatur-Unterricht, auch kein Unterricht, in dem man literarisch schreiben lernte. Obwohl das natürlich ein mögliches Nebenprodukt im einen oder anderen Fall sein konnte.

Kamen die Schüler an Bücher heran? Ich habe bisher wenig zu dieser für Shakespeares Bildungsgang wichtigen Frage gefunden. Die Äußerungen klingen immer so, als ob der junge Will, wenn er wollte, einfach mal nach Ovids Metamorphosen greifen konnte. Ich nehme an, der Lehrer hatte eine Ausgabe, aus der er dann vorlesen und diktieren konnte. Sie wird den Schülern wohl nicht privat ausgehändigt worden sein. Vielleicht gab es das Buch an einer Kette befestigt, und vielleicht durften ausgewählte Schüler eine bestimmte Zeit lang darin lesen. – Wie viele Bücher wird es in Stratford gegeben haben, in die Will Shakspere seine Nase stecken konnte? Waren es 30, oder nur 20, oder nur 10, oder noch weniger?

Es gab grammar schools in drei Kategorien. Die erste: die absoluten Eliteschulen, etwa Eton. Die zweite, auch nur vereinzelt, mit hoher Qualität, zum Beispiel Westminster. Die dritte war die bei weitem häufigste: die meist eher schlecht ausgestatteten Landschulen, zu denen Stratfords Lateinschule auch gehörte.

Diskutiert wird, ob drei der Lehrer, die in Shaksperes Schulzeit aktiv waren, katholisch orientiert waren. Es ist nicht wahrscheinlich, da der protestantische Stadtrat sie als Katholiken wohl nicht eingestellt bzw. geduldet hätte.

Konnte Shakspere, wenn er denn die geniale Londoner upstart crow von 1592 gewesen ist, in seinen maximal 7 Jahren grammar school sich den Großteil seiner klassischen Bildung angeeignet haben? Sicherlich nicht. (Wie aber hätte er es sich als Autodidakt 1580-90 aneignen sollen? Man braucht dazu Bücher und Gesprächspartner, auch Lehrer.)

War er überhaupt ein überragender Schüler – wie etwa der gleichaltrige Marlowe an der grammar school in Canterbury? Der bekam für seine Leistungen ein Stipendium, das ihm das Studium an der Uni Cambridge finanzierte. Auch im Falle Stratford wäre so ein Stipiendium, vom Bischof von Worcester gewährt, möglich gewesen. Shakspere war aber wohl nicht so gut …

Ist er überhaupt die gesamten 7 möglichen Jahre in diese Schule gegangen? – Manche Forscher nehmen an, dass ihn sein Vater bald aus der Schule genommen haben muss, wegen der finanziellen Schwierigkeiten. Williams billige Arbeitskraft wird gebraucht worden sein. Es liegt nahe, dass das ab 1575 passiert ist (da war William Shakspere 11 Jahre alt). Es darf aber nicht passiert sein, denn der spätere Dichter braucht Bildung.

Muss ein Autor ein grammar-school-Schüler gewesen sein, um die vier kleinen schulbezogenen Momente im Shakespeare-Werk zu verfassen? (Merry Wives of Windsor, As You Like It, Titus Andronicus, Love’s Labour’s Lost)

Noch eine Feststellung: Schulleiter Aspinall in den Jahren 1581 – 1624 dürfte einer der wenigen in Stratford gewesen sein, die über reiche klassische Bildung verfügt haben. Er gehört aber offensichtlich nicht zum Freundeskreis oder Kontaktnetz von William Shakspere. Im Testament wird er nicht erwähnt, auch die doch so verdienstvolle grammar school von Stratford bekommt keinen Penny. (Eine Bestätigung des auch sonst vorherrschenden Eindrucks: Unser William Shakspere hat es nicht so mit Kultur und Kunst und Bildung, auch wenn er mal bühnengerecht einen Blankvers rausbombastieren kann …)


Quelle für die meisten Informationen: Mulryne (ed), darin der Artikel von Ian Green.


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