Stratford-upon-Avon: John Hall


1607 heiratet Susanna Shakspere den Arzt und Puritaner John Hall. Er wird der Haupterbe des großen Vermögens, das William Shakspere sich tüchtig erarbeitet hat. John Hall soll mit der Shakspere-Tochter den ersehnten männlichen Erben zeugen.

Als präsumtiver Mit-Erbe wird John Hall seit der Heirat in die Stratforder Aktivitäten von Shakspere einbezogen. Im Wilcombe-enclosure-Konflikt zum Beispiel werden sie und ihre Position als eine Einheit dargestellt.

Bearman („Shakespeare’s Money“, 2015) nimmt eher an, das Verhältnis Vater – Schwiegersohn sei recht distanziert gewesen.

John Hall wird 1575 als eines von elf Kindern in Bedfordshire geboren. In Cambridge als Arzt graduiert, wird er Doktor in Stratford und Schwiegersohn eines der reichsten Männer der Stadt.

Bei allem, was man von ihm dokumentarisch mitbekommt, findet sich kein Zeichen dafür, dass er seinen Schwiegervater für einen Dichter hält. Er müsste als Puritaner Schwierigkeiten mit diesem unsittlichen Gewerbe haben, selbst wenn er als gebildeter Mann Dichtung und eine gute Sprache schätzt. Puritaner sind generell theaterfeindlich, und dies obsessiv. Was sagt John Hall außerdem zu den 1609 veröffentlichten Sonetten? Zu Shaksperes Verfallenheit an diese verhurte Dark Lady und den nun öffentlich bekundeten Ehebruch?

1613: Ein Beispiel für Stratforder Anti-Puritanismus? Der zum Katholizismus tendierende John Lord, gent., beschuldigt Susanne Hall (die Tochter Shaksperes, seit 1607 verheiratet mit dem Puritaner und Arzt John Hall) der ehelichen Untreue. Sie sei mit einem Ralph Smith intim geworden. Solche Anschuldigungen kommen häufig vor in der Stadt und treffen besonders gern verhasste oder gefürchtete Puritaner. Die Halls klagen gegen den Verleumder, der vorsichtshalber nicht vor Gericht erscheint. (Aus Angst vor der Macht des Geldes oder weil er nichts belegen kann?)

1616: Shakspere übergibt den Großteil seines Vermögens einem erklärten Puritaner. Ungern? Nur gezwungenermaßen deshalb, weil dieser Mann eben die einzige Hoffnung auf einen männlichen Erben bietet? Warum lässt er seine Tochter 1607 einen Puritaner heiraten – also einen Mann, den er – wenn er denn der Autor ist – wohl als einem Malvolio misstrauen müsste?

Der Schluss liegt nahe: Shakspere hat sich im letzten Teil seines Lebens den Puritanern angenähert. Andererseits ist er auch mit Männern befreundet wie William Reynolds, dem recusant (einem bekennenden Katholiken, der reich genug ist, die Strafgebühr für das Nichtbesuchen des Gottesdienstes zu bezahlen).

1619: Nach dem Tod Shaksperes und der Ernennung des radikalen Puritaners Thomas Wilson als Vikar von Stratford sieht man John Hall auf der Seite der puritanischen Partei.

Das wäre im Detail zu erforschen. Ich habe dazu noch keine genauere Darstellung gefunden. Fogg gibt einige Informationen. Sowohl Vikar Wilson (als autoritärer Theokrat) wie John Hall (in seinem Protest gegen die Korruption) zerstreiten sich in den 20er Jahren mit der corporation – die vom ebenfalls radikal puritanischen David Baker geführt wird. Wilson und Hall agieren als Verbündete.

1626 heiratet die Tochter Elizabeth Hall einen der wohlhabendsten Männer der Stadt, Thomas Nash. Sie übernehmen – so scheint es – das Erbe Shaksperes.

Hall stirbt 1635. Es sieht so aus, als ob er wenig von dem reichen Erbe gehabt hat – gemäß Testament ist es an die verheiratete Tochter und deren Mann gegangen. Hall gehört zu den wohlhabenderen Stratfordern, aber nicht zu den reichen. Er muss für seinen Lebensunterhalt arbeiten und kann sich nicht um die Aufnahme in die Gentry bemühen.

John Hall ist offensichtlich ein hoch geachteter und recht erfolgreicher Arzt. Er hat seine medizinischen Fälle in zwei Büchern dokumentiert. Sie wurden nach seinem Tod aus seinen Handschriften heraus gedruckt. Es ist nur einer der beiden Bände auf uns gekommen. In diesem wird Shakspere, dessen Leibarzt der Schwiegersohn sicher gewesen ist, nicht genannt. Es findet sich auch sonst kein Hinweis auf den „Dichter“. Hingegen durchaus einer auf Michael Drayton („an excellent poet„), der in der Nähe von Stratford lebt und dessen dichterische Tätigkeit John Hall also hervorhebt. (Zumindest gegen Poesie scheint Hall nichts einzuwenden.)

Einmal angenommen, Shakspere ist Shakespeare – warum macht John Hall nichts aus seinem bedeutenden Schwiegervater? Müsste er nicht anderen etwas von ihm erzählen? Szenen aus dem Leben eines großen Dichters zum Beispiel … Es gibt dafür zwei Gründe. Der eine: Dichterisch-unsittlichen Produktionen in seiner achtenswerten puritanischen Familie (ich denke an die Theaterstücke und die Dark-Lady-Sonette) waren ihm peinlich. Der andere Grund: Shakspere war nicht Shakespeare.


Die meisten Informationen über John Hall finde ich bei Nicholas Fogg in seinem Buch über die Geschichte der Stadt: Stratford-upon-Avon. The Biography (2014) und in dem von Edmundson und Wells herausgegebenen „The Shakespeare Circle“ (2015) sowie bei Bearman.


Eine Hypothese ist eine Hypothese. Sie ist zu prüfen. Inwiefern könnte meine Hypothese über Shaksperes Wendung zum Puritanismus widerlegt werden?

  1. Vielleicht gibt es unter den Puritanern Ausnahmen bezüglich der Theaterfeindlichkeit. – Ich halte das für so unwahrscheinlich wie etwa die Möglichkeit, dass jemand im AfD-Vorstand oder bei Pegida ein Freund der Einwanderung und der Flüchtlingspolitik der Regierung ist. Aber wer weiß … Ich denke, die Anglisten sollten sich bemühen und Ausnahmen suchen.
  2. John Hall hat über seine medizinischen Fälle Buch geführt. Eins der beiden Bücher hat sich erhalten. Lässt sich hier etwas Theaterfreundliches finden?
  3. John Hall war Verbündeter des puritanischen Vikars Thomas Wilson. Ich nehme an, von diesem haben sich Dokumente erhalten, etwa Predigten und Briefe und Reden. Wie stand Wilson zum Theater? Ich nehme an: rabiat feindselig, wie bei den Puritanern nach 1600 üblich. Aber das ist nur eine – im Moment plausible – Annahme. Sie wäre zu überprüfen.
  4. William Shakspere hat Freunde, die bekennende Katholiken sind (William Reynolds) oder vielleicht zum Traditionell-Katholischen tendieren (Hamnet Sadler?).
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