Stratford-upon-Avon: Kathman über Shaksperes Freunde

Überhaupt, Stratford war eine ziemlich hochgebildete Kleinstadt damals, voller intellektueller Anregung für einen Shakespeare, man las fleißig Bücher und verstand Latein … Stratford brauchte sich nicht hinter London zu verstecken …

Ganz so drastisch formuliert es David Kathman nicht in seinem Beitrag zu Shakespeare Beyond Doubt (S. 121-132). Aber er verwahrt sich gegen die (angeblich) verächtliche Einschätzung der Anti-Stratfordianer und gegen den damit verbundenen Charakter-Mord am berühmten Barden der Stadt.

Wir wissen auch, dass ca. 20% der männlichen Bevölkerung bzw. die meisten der Oberschicht und ein Großteil der Mittelschicht der Stadt durchaus lesen und schreiben konnte, oft auch das eine oder andere Buch im Hause stehen hatte, oder dass man unter den vielen grammar-school-Gebildeten gelegentlich auch klassische Figuren und Zitate in die eigene Rede einflechten konnte. Dass es auch den einen oder anderen gab, der Latein oder Französisch lesen und schreiben konnte. Dass es den einen oder andren gab, der auch irgendwelche Verbindungen zur Welt der akademisch Gebildeten hatte.

Kathman gibt uns dazu ein paar nützliche, sachlich korrekte Informationen.

Wenig hilfreich für seine Argumentation ist der Hinweis darauf, dass es nicht weit von Stratford entfernt einen Kurat John Marshall gegeben habe, der 1607 immerhin 171 Bücher vererben konnte. Was hatte er mit Shakspere zu tun? Interessanter wäre es, was Aspinall (gestorben 1624), der langjährige Hauptlehrer der grammar school von Stratford an Büchern zu Hause stehen hatte – und warum er nie in Verbindung mit Shakspere genannt wird, warum er auch im Testament nicht vorkommt. Aspinall könnte eine ähnlich umfängliche Bibiothek gehabt haben und war – vielleicht – auch intellektuell auf der Höhe.

Ob unser Shakspere (als Theaterunternehmer und gelegentlicher Schauspieler) persönliche und freundschaftliche Beziehungen zu Ben Jonson hatte, wissen wir nicht. Es sieht nicht danach aus. Wir hätten sonst einen Nachruf aus dem Jahre 1616 – und weniger zwiespältige und irritierend zweideutige Bemerkungen über den Mann und Meister.

Kathman verweist vor allem auf Richard Quiney Sen. (gestorben 1602). Der wollte 1598 Shakspere um einen Kredit bitten – zufällig blieb der wohl nicht abgeschickte Entwurf erhalten. Offensichtlich war er nicht ohne Bildung und war interessiert daran, dass ein Sohn Richard Quiney Jun. ordentlich Latein lernte. Mit 11 hat der Junge das ordentlich vorgeführt, samt klassischer Zitate. Man hatte auch Verbindung zu dem Dichter Greville. Ob Shakspere mit Richard Quiney Jun. viel zu tun hatte, wissen wir nicht; im Testament kommt er nicht vor. Dagegen bekam er Probleme mit einem Bruder des Lateiners, Thomas Quiney, der Französisch konnte, einem Mädchen ein uneheliches Kind machte und dafür vom Kirchengericht bestraft wurde – und er schließlich Judith Shakspere heiratete. Im Testament sorgte Shakspere dafür, dass der unzuverlässige Mann nicht allzu nahe an das kleine Erbe herankam, das er seiner zweiten Tochter vermachen wollte.

Lesen wir die Werke Shakespeares, würden wir ein anderes Bildungskaliber unter den nahen Freunden in Stratford erwarten. Ein Gedanke, der Kathman wohl sofort als snobistisch erschiene. Ist es wirklich snobistisch zu vermuten, dass einer, der Werke wie Shakespeare geschrieben hat, sich gelegentlich mit Leuten trifft, die hier auf Augenhöhe mit ihm reden können?

Der nächste Bildungskandidat Kathmans ist Thomas Greene. Der eignet sich besser, da er längere Zeit in Stratford aktiv war, einige Zeit sogar in New Place eingemietet war. Er war Stadtschreiber und hat auch selbst in seinen jungen Jahren ein wenig gedichtet – und seine Freundschaft mit Shakspere ist hinreichend bezeugt. Freilich, im Testament wird er nicht bedacht. Warum nicht? – Immerhin, mit Greene kann Kathman einmal punkten. Wir könnten uns zumindest vorstellen, dass dieser Mann so bildungs- und literaturversiert war, dass er vielleicht einen guten Gesprächspartner für den Autor abgegeben haben könnte.

Kathmans dritter Kandidat ist Thomas Russell. Er war einer der beiden „Aufseher“ beim Testament, geb. 1570, und gehörte zu einer gewiss hoch gebildeten Familie, die auch viele Angehörige in hohen Stellungen hatte. Ob allerdings Thomas Russell selbst viel mit Kunst und Kultur, mit Literatur und Philosophie am Hut hatte, wissen wir nicht.

Im Falle der Combe-Familie weist nichts auf Interesse an Bildung, Literatur, Kunst hin.

Ein Mann mit beträchtlicher Bildung wird der Schwiegersohn John Hall gewesen sein. Er war allerdings Calvinist … was Kathman natürlich nicht erwähnt. Als Calvinist dürfte er einige Distanz zum sündischen Theatermetier gehalten haben.

Und das war’s dann. Stellen wir uns also mit Kathman den Autor der Werke Shakespeares in einer Gesellschaft vor, die nur diese Kandidaten (!) zu bieten hat. Offensichtlich hat sich Shakspere mit seinem Rückzug nach Stratford auch von der intellektuellen Szene Londons getrennt. Von der Welt der Bücher, der Welt der Theateraufführungen, der Welt der Musik, der Welt der gehobenen Unterhaltung.

Vielleicht hatte er (also Shakspere, wenn er denn tatsächlich Shakespeare der Autor gewesen war) dafür Gründe? Kathman will diesen Gründen nicht nachgehen.

Statt dessen verweist er auf den angeblichen lokalen Ruhm des Barden. Ohne auch nur einmal darauf hinzweisen, dass die lokale Oligarchie 1602 Theateraufführungen in der Stadt verboten hat und dieses Verbot 1612 noch einmal bekräftigt und verschärft. Die Stadt – jedenfalls die Gruppe in der Stadt, die das Sagen hat – ist ausdrücklich theaterfeindlich eingestellt. Shakspere wäre als Autor von Theaterstücken weniger berühmt als berüchtigt gewesen in dieser Stadt und in dieser Zeit. Wäre Shakspere der Autor der Werke gewesen, hätte man sein sündiges Tun eher verbergen und ihn als vom bösen Theaterwesen geläutert hinstellen müssen.

Kathman macht, was fast alle Stratfordianer in der Autorschaftsfrage machen: Krass unwissenschaftlich nimmt er sofort Kampfposition ein und argumentiert heißblütig und scheuklappenbeschränkt rein parteilich. Er kommt nie auf die Idee, einmal Pro & Contra abzuwägen. ALLES, was die Gegner vorbringen, ist lächerlich. ALLES.

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