Stratford-upon-Avon: Theater in der Stadt

Bis ca. 1600 ist die Stadt oft von reisenden Theaterkompanien besucht worden, die dann in der Guild Hall ihre Stücke vorgeführt haben. Wir verfügen über die Liste der Zahlungen. Sie beginnt 1568 und endet 1597.

In diesen knapp 30 Jahren kam es in 17 Jahren zu Besuchen von einer oder von mehreren Theatertruppen:

den Queen’s Players (sie bringen King John, King Leir, Richard III – alle bis 1592, also bevor Shakspere aus Stratford sie geschrieben haben soll!),

den Lord of Leicester Players (bis 1588 führend im Land, durch reiche Ausstattung besonders eindrucksvoll; nach Leicesters Tod umgewandelt in die Queen’s Men),

den Earl of Darby’s Players,

den Earl of Oxford Players (! – 1583/84, eventuell eine frühe Fassung von Troilus und Cressida?),

den Earl of Essex Players,

den Earl of Worcester Players (zu ihnen gehört der gefeierte Edward Alleyn)

u. a. –

Also gut jedes zweite Jahr konnten die Stratforder Aufführungen in ihrer Guild Hall besuchen. Im Jahr 1587 kamen sogar fünf verschiedene Theatertruppen.

(Ich füge hinzu: Shaksperes Truppe, die Lord Chamberlain’s Men, ist nicht dabei – kommt nie nach Stratford. Warum gerade sie nicht? Shakspere ist doch wichtigster Teilhaber, dazu (wichtiger Schauspieler und dazu noch (angeblich) Dramaturg und Intendant und der Autor der wichtigsten Stücke (nach Meinung der Anglisten …) – er hat also etwas über die Reiseziele der Truppe zu sagen. – Warum gehen die drei Aufsätze, die sich mit dem Thema Stratford und Theater befassen, nicht darauf ein?)

Im Falle der Earl of Leicester Players lässt sich ein Widerspruch erkennen, auf den der protestantische Propagandist John Field hinweist: Leicester ist ein Vorkämpfer der radikalen Reformation – seine Unterstützung des Theaters stehe dazu im Widerspruch.

William Shakspere konnte jedenfalls einiges an Theater erleben, solange er noch in Stratford war (also bis ca. 1587 oder 1588).

Andererseits waren reisende Schauspieler wenig angesehen bei den städtischen Behörden und den städtischen Eliten, auch nicht bei den Geistlichen. Man hat sie toleriert, weil sie unter dem machtvollen Schutz der Queen und der aristokratischen Patrone standen.

Das Volk allerdings hatte großen Appetit auf Unterhaltung; je spektakulärer, desto besser. Früher gab es mal das christliche Kirchenspiel – das säkulare Theater ist dafür auch ein Ersatz.


Aber nach der Jahrhundertwende haben die Puritaner der Stadt – anfangs mit teilweisem, am Ende mit vollem Erfolg verhindert, dass solche heimtückischen Teufelsprodukte die Bürger der Stadt weiter verführen konnten.

1597 erleben die Stratforder den letzten Theaterbesuch. Warum kommt keine Truppe mehr? – Liegt es daran, dass sich der Widerstand gegen sie in der Stadt zu deutlich zeigt? Oder auch daran, dass es sich für die Truppen nicht mehr lohnt, ins kleine, finanzschwache Stratford zu kommen?

1602 setzt der Stadtrat zum ersten Mal ein Theaterverbot für die Stadt durch. Vermutlich gegen einige Opposition.

Es kommt dennoch ein paar Mal zu Theateraufführungen.

Der Bann in Stratford hat seine Vorläufer und Begleiter in den anderen Städten des Landes. Sie beginnen bereits um 1596.

(In London blüht das Theater – in Kleinstädten wie Stratford ist es verpönt, wird es verbannt. Was findet der leidenschaftliche Theatermann Shakspere so attraktiv an seiner theaterfeindlichen Heimat? Warum investiert er nicht lieber in London? Warum lebt er nicht lieber in London? Da findet er die Menschen, mit denen er sich über das, was ihn interessiert und künstlerisch antreibt, reden kann. Da kann er Theater machen, Theater besuchen … )

Einer der Gründe, Theateraufführungen zu verbieten, war möglicherweise nicht-religiöser Natur: Solche Events haben gerade in Krisenzeiten zu wilden Szenen unter dem Publikum geführt. Es gab also nicht nur (und vielleicht auch nicht in erster Linie) „puritanische“ Gründe für das Theaterverbot.

1612 reagiert der Stadtrat verärgert darauf und verhängt nun ein verschärftes Theaterverbot – bei 10 Pfund Strafe im Falle von Zuwiderhandlung. Wiederum merkt man den Dokumenten an, dass eine Minderheit opponiert. Ein paar Monate später wird die Strafe auf 2 Pfund reduziert.

1618 findet sich erneut eine Zahlung der Stadt an eine Schauspielertruppe – 5 Schilling, authorisiert vom Bürgermeister persönlich. Eine zweite Zahlung (für eine weitere Truppe?) folgt kurz darauf. Hat es sich um Theaterstücke gehandelt, oder um eine andere Art der Unterhaltung? 1620 geschieht das erneut – diesmal ist es wahrscheinlich wirklich ein Theaterstück, das aufgeführt wird.

1622 werden die King’s Men (Shaksperes frühere Truppe) sogar dafür bezahlt, dass sie nicht auftreten.

Trotz dieser Ausnahmen: Im großen und ganzen endet 1597 die Phase der freien, unumstrittenen Theateraufführungen. Theater ist jetzt Gegenstand parteilicher Auseinandersetzung – und die Puritaner haben dabei die Oberhand, auch wenn gelegentlich ein Verstoß vorkommt.


Was haben sie gegen das Theater? – Es entheiligt die Heilige Guild Hall. Theater ist für Müßiggänger, hält sie von der Arbeit ab. Theater verführt die Menschen zur Sünde. Die Theaterleute sind gewalttätig, reizen auf zu Schlägereien und gefährden den Frieden der Stadt. Theater widerspricht der Würde des Bürgers.

Die Opposition hält dagegen: Theater ist unterhaltsam und lehrreich. Gute alte Tradition. Es bringt der Stadt auch Einnahmen.

Wie groß ist etwa die Opposition im Stadtrat? Der radikale Puritaner Wilson (mit dem John Hall, Shaksperes Schwiegersohn und Erbe verbündet ist), erhält 1619 bei seiner Wahl zum Vikar 18 Stimmen – 7 Stimmen hat er gegen sich. Vermutlich entspricht dies auch der Stärke der Pro-Theater-Fraktion.

Unterhaltung gehört zum lebendigen Stadtleben, die Minderheit verteidigt hier die stadtbürgerliche Tradition. Die Puritaner sind Kulturrevolutionäre.

Auch die Errichtung eines Maibaums 1619 wird von ihnen verhindert.


Theater in Stratford zu Shakespeares Zeit – das Thema wird ausführlich behandelt in drei Aufsätzen bei J. R. Mulryne (ed): The Guild and Guild Buildings of Shakespeare’s Stratford. Ashgate. 2012 (Seiten 171 – 161). Dort werden alle Auftritte und ihre jeweilige Bezahlung und der Name der Theatertruppe aufgelistet.

Alle Informationen, die ich auf dieser Seite verwende, stammen aus diesem Buch.

Leider erfahren wir nichts über das uns interessierende Thema: Wie stand der Geschäftsmann William Shakspere zu den Repressionsmaßnahmen der Puritaner? Wie stand John Hall, sein Schwiegersohn und Haupterbe, dazu?

Warum wird dieses Thema ausgespart?


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