Stücke-Chronologie

Nach orthodoxer Ansicht beginnt Shakespeare nicht vor 1590, Stücke zu schreiben und aufführen zu lassen: etwa Titus Andronicus (Daten zwischen 1590 und 1593), The Two Gentlemen of Verona, The Taming of the Shrew, The Comedy of Errors, 1-2-3Henry VI, Richard III, eventuell King John. – alles fällt auf diese vier oder fünf frühen Jahre.

Auch mit den Sonetten (ab 1591?) und den beiden perfekten Versepen (1593/94) springt unser Held wie Pallas Athene fertig und perfekt, ohne erkennbare Wachstums- und Lernphase und in voller Bildungsrüstung auf die Weltbühne. Und schwingt ihren Speer. Wahnsinn! Was muss der junge Mann in den biographisch dunklen Jahren davor alles erlebt und gemacht und gelernt und ausprobiert haben – außer dem Herstellen von Handschuhen und dem Drehen von lukrativen Deals und dem Herausbombastieren eines Blankverses!

Wir wissen nicht wirklich zuverlässig, wann die bereits genialen (von Gestaltung und Stil her zum Teil erkennbar) frühen Werke entstanden sein könnten.

Die Orthodoxie ist gezwungen, sie relativ spät anzusetzen, eben nach 1590, damit die Sache vereinbar bleibt mit der Biographie des Mannes aus Stratford. (Obwohl auch denkbar wäre, dass das junge Genie schon vorher, vielleicht sogar schon in Stratford, erste Fassungen seiner Werke verfasst haben könnte. – Ohne Mentoren, ohne Bibliothek, ohne Studium …)

Nun gibt es deutliche Hinweise darauf, dass viele Shakespeare-Dramen schon vor 1590 gespielt worden sind: Romeo and Juliet zum Beispiel, auch Hamlet. Wir wissen, dass es einen Ur-Hamlet (eine Frühfassung) oder einen Hamlet von einem anderen Autor gegeben haben muss, und zwar in den späten 1580er Jahren.

Hat es schon vor Shakespeare einen Hamlet von einem anderen Autor gegeben – und Shakespeare hat dann (wie angeblich sehr oft!) plagiiert? – Undenkbar ist das nicht; soviel muss man der Orthodoxie zugestehen. Ist es aber wahrscheinlich? Nur dann, wenn man von vorne herein davon ausgeht, dass der Stratforder der Autor war. Dann bleibt einem nichts anderes übrig als zu glauben, Shakespeare habe von irgend jemand die Geschichte Hamlets, ihr Gerüst jedenfalls, übernommen, oder das Stück eines anderen überarbeitet und als das eigene ausgegeben.

Ähnliche Schwierigkeiten ergeben sich für das „Spätwerk„. Gab es The Tempest, The Winter’s Tale und Pericles nicht schon sehr viel früher, als es die Orthodoxie behauptet?

Nehmen wir das Beispiel von The Tempest, angeblich 1610/1611 verfasst, weil es Schiffbruch-Vokabular von Stratcheys Bermuda-Report verwende. Einmal abgesehen davon, dass es auch umgekehrt sein kann – Stratchey verwendet Vokabular für seinen Bericht, das er von einem Schauspieler gehört hat, der früher einmal in The Tempest bei Hofe oder in einem Aristokratenpalast mitgespielt hat: So gut wie alles Vokabular, das Shakespeare in The Tempest für den Schiffbruch verwendet, findet sich in mehreren anderen Werken, die Shakespeare gelesen hat, zum Beispiel der Bibel (Apostelgeschichte, Schiffbruch von Paulus), oder Erasmus von Rotterdam, oder Ariosts Orlando Furioso, oder Hakluyts Schiffbruchsbericht. Außerdem hat 1596 ein Schiffbruchs-Bericht von Raleigh London elektrisiert – auch ein Anlass, das Stück zu schreiben und auf die Bühne zu bringen. Die Bermudas sind seit Anfang des 16. Jahrnunderts in England als gefährliches Meeresgewässer bekannt. Das Stück selbst hat mit den Bermudas nichts zu tun, sondern eher mit Mittelmeer-Inseln.

Warum erwähnen alle die Ausgaben von The Tempest dies alles nicht? Warum tun sie so, als sei es (literatur-)wissenschaftlich erwiesen, dass der Autor unbedingt Stratcheys Bericht gelesen haben müsse? – Mit Wissenschaft hat solche Ignoranz nichts zu tun.

Unser Wissen, wann damals welches Stück welches Autors unter welchem Titel jeweils auf die Bühne – welche wiederum? – gelangt sein könnte, ist durchaus lückenhaft und in den meisten Fällen eher spekulativ.

Die Chronologie der Shakespeare-Stücke ist unsicher. Im großen und ganzen kann man festmachen, in welcher ungefähren Reihenfolge die Stücke geschrieben worden sein könnten – allerdings unter dem Vorbehalt, dass der Autor sie auch einmal oder mehrmals überarbeitet haben kann. (Dadurch kann ein früh entstandenes und aufgeführtes Werk, etwa Hamlet, unter die späteren Werke rücken.) Auch können Werkfragmente postum von anderen Autoren vervollständigt worden sein.

Betrachtet man die Sache neutral – also nicht unter dem Druck, sie unbedingt dem Geschäftsmann aus Stratford zuschreiben zu müssen – dann kommt für die 36 Stücke in ihrer First-Folio-Fassung ein Zeitraum von ca. 1570 bis über 1610 hinaus in Frage.

Nehmen wir einmal an, der Autor Shakespeare war ein innovatives Genie, läge es nahe, die Stücke relativ früh anzusetzen – er wäre dann weniger der Plagiator, sondern andere, schwächere zeitgenössische Autoren hätten sich an ihn als Vorbild angelehnt.

Müssen die Stücke früher angesetzt werden, als es offiziell festgelegt worden ist, käme Shakspere nicht mehr als Autor in Frage; werden die letzten Stücke spät angesetzt (also etwa nach 1604), würde zum Beispiel Edward de Vere, Earl of Oxford als Kandidat ausscheiden.

Aus wissenschaftlicher Verantwortung sollte man Vermutungen von Gewissheiten unterscheiden, Indizien von Beweisen. (Wobei man bei Indizien wieder in schwache und starke differenzieren kann.)

Wenn das erste Quarto von Romeo and Juliet 1597 erschienen ist, heißt das nicht, dass das Stück in diesem Jahr oder ein Jahr davor geschrieben und aufgeführt worden ist; es kann schon Jahrzehnte alt sein, es spricht manches dafür, dass es kurz nach 1580 geschrieben worden ist, aber Gewissheit haben wir hier nicht.

Umgekehrt können wir nicht sicher sagen, ob ein Werk, das 1594 The Taming of a Shrew genannt wurde, letztlich The Taming of the Shrew von Shakespeare ist – die Annahme ist naheliegend, ersteres könnte die schwache Raubdruckversion des im First Folio zuverlässiger überlieferten älteren Stückes sein. Oder ein Imitat der ursprünglichen Shakespeare-Version. – Könnte. Konjunktiv. Wie alt das Stück bzw. seine erste Fassung im Jahre 1594 schon war, lässt sich ungefähr eingrenzen. Etwa 1579 scheint hier das frühest-mögliche Datum zu sein. Wir wissen nicht genug, um ein sicheres Datum angeben zu können – wir haben nur einen Rahmen und ein paar vielleicht nützliche Indizien, um eine Wahl innerhalb des Rahmens für plausibler als andere Optionen erscheinen zu lassen.

Man lasse sich also von den Angaben der Orthodoxie nicht verführen. Sie geht dogmatisch blind davon aus, dass ihr Shakspere aus Stratford die Werke geschrieben hat, und dann kann – zwangsläufig – das Frühwerk frühestens 1590 auf die Bühne kommen. Alle Hinweise auf eine frühere Bühnenpräsenz werden teils umgedeutet, teils bestritten, teils ignoriert.


Im folgenden gilt es, ins Detail zu gehen. Das aber hat Kevin Gilvary als Editor bereits vorbildlich erledigt: Dating Shakespeare’s Plays. Ich werde einige Beispiele heraussuchen und hier in deutscher Sprache präsentieren. Siehe die rechte Spalte unten!


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