Testament: Formales

Zunächst fällt auf, dass es relativ lang ist – und ungewöhnlich unordentlich. Zahlreiche Streichungen und Einfügungen zwischen den Zeilen ebenso wie die einige Male problematische Formulierung fallen auf.

Shakspere hat es diktiert, aufgeschrieben hat es ein Angestellter oder Schreiber eines Anwaltsbüros.

Wir hören also tatsächlich Shaksperes Stimme.

Der Schreiber war verpflichtet, exakt das zu notieren, was der Testator ihm diktiert hat. Er musste vor Gericht dafür einstehen, falls das Testament angefochten wurde.

Damit wird das Testament zum wichtigsten Dokument, das wir von Shakspere haben – genauer gesagt, von dem wir sicher sein können, dass es von Shakspere stammt.

Es zeigt uns seine Präferenzen. Es zeigt uns etwas von seinem Geist. Es zeigt uns, dass der Mann, der dieses Dokument diktiert hat, nicht der Mann sein kann, der Shakespeares Werk verfasst hat.


Am Ende steht, der Testator Shakspere würde sein Siegel unter das Dokument setzen.

Dann aber wird das Wort „seal“ durchgestrichen und darüber das Wort „hand“ gesetzt.

Der Schreiber hatte also zunächst angenommen, Shakspere werde nicht unterschreiben, und dies dann korrigiert.

Vermutlich deswegen, weil der Stratforder Geschäftsmann Mühe mit dem Unterschreiben (mit dem Schreiben überhaupt?) hat. Shakspere hat dann aber doch darauf bestanden, seine Unterschrift hinzukrakeln.

Auf jede der drei Seiten setzt er sie. Am Ende steht vor der Unterschrift in einer geübten Handschrift: By me. Das ist nicht die Handschrift dessen, der unterschrieben hat.

Das Krankheitsargument oder der Hinweis auf einen möglichen Schreibkrampf ziehen nicht, da vor allem Shaksperes sicher authentische Unterschrift im Bellot-Mountjoy-Fall (1612) ähnlich wackelig ist.

Das Testament stellt in seiner Eingangsformel eindeutig fest, dass der Testator auch körperlich nicht beeinträchtigt ist:

in perfect health & memory god be praised doe make & ordayne this my last will and testament in manner an forme following

z. B. abgedruckt bei B. M. Cutting, S. 40

Wir erkennen beim Lesen, dass dieser Mann durchaus bei Sinnen war – wir erkennen seinen kleinlich berechnenden Geist. Er weiß, was er tut. Er gibt sich als Mensch zu erkennen.

War er auch vielleicht krank, dem Tode nahe, so doch noch fit genug, um dieses Testament diktieren zu können.


Ein weiterer fomaler Punkt: WANN wurde die erste Fassung des Testaments geschrieben? B. M. Cutting nimmt an: deutlich vor dem Januar 1616. Im Januar dann wurde allerlei geändert, in schwärzerer Tinte teils gestrichen, teils drübergeschrieben, sowie eine neue erste Seite den beiden älteren hinzugefügt, als Ersatz für einen früheren Entwurf. Denn es haben sich bezüglich der jüngeren Tochter neue Umstände ergeben.

Der erste Entwurf des Testaments, der uns mit den Seiten zwei und drei vorliegt, könnte also schon 1613 oder 1614 verfasst worden sein. Die vielen Veränderungen im Laufe der Jahre haben die vielen Korrekturen nötig gemacht.

Als nun im Januar bzw. März wegen Tochter Judiths Ehe-Eskapade Änderungen nötig wurden, musste die erste Seite ersetzt werden durch einen Text, der länger war, als er normalerweise auf diese erste Seite gepasst hätte. So ist diese erste Seite übervoll geraten, auch auf der zweiten, schon vorhandenen Seite werden noch ein paar Zeilen oben hingequetscht, während darunter mehrere Zeilen, die noch zum alten Text der ersten Seite gehört haben, gestrichen werden.

Der zwar reiche, aber offensichtlich recht geizige Shakspere hat es nicht für nötig erachtet, im Januar oder im März eine alle Änderungen erfassende neue Reinschrift zu veranlassen.


Hätte der Rechtsprofi Shakespeare für das Verfassen des Testaments einen Rechtsanwalt gebraucht?

Er wäre selber kompetent gewesen, es formgerecht und einspruchssicher abzufassen. Er hätte auch selber die Feder führen können. Es ist schließlich eines der bedeutendsten Dokumente, die er in seinem Leben verfertigen wird – ein Vermächtnis.

Als rechtsversierter Mann hätte er auch seinen Mitbürgern in Stratford beim Testamenteverfassen beistehen können. Er hat das in keinem einzigen Fall gemacht.


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