Thema Autor & Werk

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Wenn ich Goethe lese, begegne ich einem Werk – und seinem Schöpfer. Ich erlebe Goethe im Werk, der Autor ist immer dabei. Aufmerksam habe ich Biographien gelesen, damit er auch immer dabei sein kann.

Dito Hölderlin. Wer kann Hölderlin lesen, ohne den Dichter dabei mitzudenken, mitzuerleben? Dito Büchner, Jane Austen, Dante, Cervantes, Faulkner, Dostojewski, Marcel Proust, James Joyce …

Also frage ich nach der Biographie von William Shakespeare. Und werde enttäuscht: Teils gibt es keinen Bezug zum Werk, teils wird ein solcher Bezug herbeiphantasiert oder mit skurriler Argumentation behauptet. Auch die Stratfordianer geben zu: Der Mann hinter dem Werk bleibt (bei ihnen) auffallend blass.

Nun gibt es auch eine Einstellung zur Kunst, die allein das Kunstwerk gelten lässt und dazu rät, den Schöpfer zu ignorieren. Schau auf das Werk und vergiss den Autor! Das Werk allein zählt.

Eine solche Haltung ist mir fremd. Wie kommt jemand dazu, das Geschöpf nicht nur vom Schöpfer zu trennen, sondern den Schöpfer verschwinden zu lassen? Mein Verdacht: Wer das so macht, möchte sich selbst (durch die Hintertür eintretend) als Schöpfer setzen; ist unwillig, sich auf den Schöpfer als einem Anderen und Fremden einzulassen; verweigert die Kommunikation mit dem Anderen und dem in ihm begründeten Eigensinn des Werks. Der Schöpfer wird geistig enteignet. Der schöpfer-averse Leser kann sich dann selbst ganz unbehelligt ins Werk verpflanzen, es usurpieren, es narzisstisch kolonisieren.

Könnten wir nicht versuchen, Shakespeare (wer immer der Mann gewesen sein mag) bzw. sein Werk mit seinen Augen zu lesen – und mit den Augen und Ohren der Menschen seiner Zeit zu vernehmen? Das macht mir das Werk geheimnisvoll und fremd. Es ist außerhalb von mir. Unabhängig von mir. Und eben damit spannend. Und immer neu und frisch. Der Zauber entfaltet sich, indem ich immer wieder (und in jedem Lebensalter neu) über mich selbst hinausgetrieben werde, hinüber in eine andere, eine fremde Welt, die ich nicht beherrsche, die meinem Narzissmus Widerstand leistet. In eine unendliche, mysteriöse, bezaubernde Welt.

Bei Edward de Vere, Earl of Oxford, gelingt der Bezug zwischen Autor und Werk. Das ist für sich genommen noch kein Beweis, dass der Earl der Autor war. Ich erlaube mir weiterhin das Fragezeichen. Aber die Wahrscheinlichkeit spricht für meine Entscheidung, mir Shakespeare als den Earl of Oxford vorzustellen.

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Dogma macht dumm

(1) Shakspere aus Stratford IST der Autor der Werke Shakespeares. Unbedingt. Es gibt keinen Zweifel.

(2) Eine Verbindung Werk-Autor gibt es IMMER. Also auch eine zwischen Shakspere und dem Werk Shakespeares.

(3) Also MUSS eine Verbindung hergestellt werden – auf Teufel komm raus!

Und so verteufelt sehen dann die Bezüge auch aus.

Stellen wir uns einmal vor, aus irgend einem Grund werde (Brechts) Dreigroschenoper Thomas Mann zugesprochen, und dies wird als unbedingt richtig und jenseits allen Zweifels festgestellt.

Dann werden die Biographen und Interpreten Thomas Manns Verbindungen finden, die zeigen, dass tatsächlich Thomas Mann die Dreigroschenoper geschrieben hat.

Was werden sie da zum Beispiel entdecken? Ja, haben nicht die jugendlichen, heranwachsenden Klaus und Erika Mann wilde Theaterspielchen auf Partys in der Poschingerstraße in München veranstaltet. Da hat Thomas Mann die Lust und die Ideen zu seiner für ihn doch sonst etwas seltsamen Dreigroschenoper gefunden. Sicher haben die sehr begabten Kinder dabei auch mitgewirkt. Wir können uns die Gaudi dabei vorstellen, gell?

Und kam Thomas Manns Mutter nicht aus Brasilien? – Aha, der Kanonensong! Besingt zwar nichts in Südamerika, aber doch etwas Exotisches im braunrassigen Süden – also, „Wenn es mal regnete / und es begegnete / ihnen ’ne neue Rasse / ne braune oder blasse / dann machten sie vielleicht daraus ihr / Beefsteak Tatar.“ Bittesehr, ist der Bezug zur brasilianisch-exotischen Herkunft von Julia Mann-Bruns nicht deutlich?!

Nach diesem Muster ist ein großer Teil der Bezüge zwischen Shakspere aus Stratford und dem Werk von Shakespeare gestrickt.

(Vielleicht fallen mir – und Ihnen – noch mehr „deutliche“ Bezüge zwischen Thomas Mann und der Dreigroschenoper ein!)

(Und Vorsicht! Der Fehler könnte auch uns Oxfordianer passieren!)

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