Thema Skepsis

1

Was ist Skepsis?

Die Ehre des Wissenschaftlers.

Skepsis ist nicht primär Skepsis gegenüber anderen, sondern gegenüber sich selbst. Gegenüber den eigenen Gewissheiten.

Ich weiß, dass meine Gewissheiten auf unsicheren Fundamenten stehen.

Ich weiß, dass ich den kritischen Blick von außen brauche, der mich und meine Gewissheiten immer wieder in Frage stellt.

Ich weiß, dass ich einer Welt außerhalb von mir zugehöre, und über diese unendliche Welt (die draußen und drinnen ist) verfüge ich nicht souverän. Sie wird mir immer ein Rätsel bleiben.

Angewandt auf Wissenschaft: Die Tugend des Wissenschaftlers ist er unermüdliche Zweifel. (Dazu gehört auch der Zweifel am Zweifel.) Der Wissenschaftler schätzt den Zweifel. Er dankt den Zweiflern auch dann, wenn er ihnen nicht zustimmen kann. Zweifel hält die Wissenschaft in Gang.

Angewandt auf unser Thema: Die Stratfordianer tabuisieren die Autorschaftsfrage. Sie entziehen sie dem Zweifel.

Sie argumentieren in vielem durchaus kompetent wissenschaftlich. Ich schätze ihre Beiträge zu Shakespeares Werk. Aber kaum streifen sie an die Autorschaftsfrage, legt sich der blinde Fleck darüber. Alles, was die Autorschaft des Mannes aus Stratford in Frage stellen könnte, liegt in der Tabuzone. Sie zu verteidigen bildet sich ein Stamm, der fanatisch sein Territorium verteidigt und jeden, der einzudringen versucht, als Feind betrachtet.

Wehe dem Stammesangehörigen, der einen Zweifel äußert. Er ist ein Verräter und in Gefahr, ausgeschlossen zu werden.

Möchten Sie in den Augen der Shakespeare-Experten und ihrer Anhänger zum Deppen gestempelt werden? – Sie werden das vermeiden wollen. (Ich verstehe also, wenn Sie um Ihrer Seelenruhe willen lieber am Kandidaten aus Stratford festhalten wollen.)

Dumm nur, dass eine solche Tabuisierung und Stammesbildung mit ihrem blinden Fleck – verdummt. Die Stammesangehörigen wollen in Sachen Autorschaft nicht mehr forschen. Für sie ist bereits alles eindeutig und klar und entschieden. Shakespeare Without Doubt – das ist der Titel ihrer Antwort auf die Zweifler.

An allem, was die Zweifler vorbringen, so sagen die Anglisten und Bardologen, war und ist nichts dran – erkennbar und offensichtlich und für jeden einsichtig nichts dran. Alle Zweifel sind längst schlüssigst wissenschaftlichst widerlegt. Es gibt darum (für den Stamm der Strafordianer) keine rationale Autorschaftsfrage. Mit denen, die trotzdem zweifeln, müsse man umgehen wie mit den Flat-Earthern, Intelligent-Designern, Holocaust-Leugnern.

Was mache ich da? – Nun, ich verweise geduldig auf das Testament und seine Sprache. Ich verweise freundlich auf die Sonette – ihren Inhalt und ihre Veröffentlichung 1609, etc. – ich verweise schulterzuckend auf die weiteren Zweifelsgründe und frage: Wirklich, liebe Leute, ist das hier so wie im Falle der Holocaust-Leugner und Intelligent-Designer? Habe ich nicht empirisch-plausible Gründe zum Zweifeln?

Nein, habst du nicht, schallt es mir entgegen.

Damit kann ich leben. Und (mit Shakespeare) darüber lachen.

2

Wie gehe ich mit Unsicherheit um?

Zum Beispiel weiß ich nicht, ob und in welcher Weise Shakspere in den letzten Jahren seines Lebens krank war. Manche schlagen vor: Syphilis. Sie meinen, damit vielleicht erklären zu können, warum unser Mann im Testament plötzlich sprachlich so mittelmäßig ausdrückt, oder warum seine Unterschriften so schlecht sind.

Es gibt in solchen Fällen immer verschiedene Erklärungsmöglichkeiten. Wie macht es ein Kriminalkommissar in einer solchen Situation? Sagen wir, er hat drei verschiedene Verdächtige. Er wird sich offen halten für jede einzelne Möglichkeit, er wird sich – professionellerweise – nicht festlegen, er wird immer jede der Möglichkeiten für sich erwägen und jeder einzeln nachgehen.

Wie ein Jongleur wird er die fünf Bälle in Bewegung halten.

Der Biograph wird also die verschiedenen Möglichkeiten für Shaksperes Leistungsabfall prüfen und offen halten müssen, denn natürlich wissen wir zu wenig über das, was vor 400 Jahren wirklich der Fall war.

Er wird aber zum Beispiel prüfen können, ob Syphilis die spezielle Art des Sprachverlusts erklären kann, die beim Diktieren des Testaments vorgefallen sein muss, wenn denn der Testator tatsächlich der der sprachmächtige Autor der Werke Shakespeares war. Immerhin ist er noch hellwach bezüglich der einzelnen Bestimmungen, und seine Sprache entspricht immerhin der eines „normalen“ Kaufmanns – wenig elegant, manchmal etwas umständlich, eher arm an sprachlichen Mitteln, aber nicht unklar, nicht verworren. Also, lässt sich der sprachliche Absturz, wenn es denn einer war, mit Syphilis erklären?

Das wäre nun der nächste Schritt, den der Biograph sich vornehmen müsste. Es aber nicht tut. Die Biographen munkeln hier nur. Sie sind zufrieden, wenn sie uns Leser mit einer irgendwie nicht unplausibel klingenden Erklärung abspeisen können. Sie selber scheinen nicht wirklich neugierig zu sein – nicht, wie der Kriminalkommissar heiß darauf, die Wahrheit zu ergründen, soweit sie ergründbar ist.

Was also macht im vorliegenden Fall ein anständiger Biograph? Er teilt uns mit, wie er nach einer Antwort geforscht hat – und dass er nicht fündig geworden ist; dass er die Sache also offen lassen muss. Mit anderen Worten, er sagt uns, wir können uns den sprachlichen Absturz nicht erklären.

Vielleicht ist er nicht erklärbar. Vielleicht ist er unmöglich – und Shakspere kann nicht Shakespeare sein. – Vielleicht. Ich nehme es an, dass es so ist, weil die Fachleute es offensichtlich nicht für aussichtsreich halten, hier zu einem glaubwürdigen Ergebnis zu kommen und sich die Biographen darum mit dem Munkeln begnügen.

(Nebenbemerkung: Viele Biographen vermeiden die Syphilis-Hypothese, weil sie das Bild des sympathischen gentle Shakespeare stören würde. Was schlagen sie vor? – Nichts. Sie halten uns Leser für dumm genug, mal wieder, zum hundertsiebzehnten Mal, resigniert mit der Achsel zu zucken: Ja mei, wir wissen halt nicht, was los war.)

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