Töchter ohne Bildung

Seine Töchter hat Shakspere nicht lesen und schreiben lernen lassen. Auch Susanna nicht – sie konnte nach dem Tod ihres Mannes, als jemand dessen medizinische Aufzeichnungen zur Hand nahm, nicht einmal die Handschrift ihres Mannes identifizieren. Sie konnte immerhin wie ihr Vater ihre Unterschrift aufs Papier krakeln. Tochter Judith hat immer nur ein Kreuz angebracht.

Wie erklären sich die Stratfordianer das – wenn sie es überhaupt einmal zum Thema machen?

Nun, es war halt damals nicht üblich, dass …

Das soll eine Antwort sein? War der Autor Shakespeare ein Durchschnittsbürger? Einer, der in der Erziehung und bezüglich der Bildung das Übliche tut?

Der Stratford-Shakespeare muss ein bildungsbesessener junger Mann gewesen sein, der sich als fanatischer Autodidakt sein enormes Wissen in klassischer Literatur, in klassischer und in englischer Geschichte, in italienischer Literatur, in Recht und Jagd und Seefahrt und Medizin und Musik und Gärtnerei und und und angeeignet hat. – So ein Mann sorgt dann nicht für die literarische Bildung seiner Töchter?

Wäre ich Stratfordianer, würde ich die Herausforderung annehmen. Wie zum Teufel erklärt es sich, dass der Autor, der eine prächtig gebildete Lady nach der anderen auf die Bühne stellt, seine eigenen beiden Töchter praktisch ohne Bildung lässt?

Welche Rolle lässt der Autor Frauen spielen? Es sind immer Rollen, für die auch Bildung nötig ist. Klassische Bildung.

Legt also unser Shakespeare keinen Wert darauf, dass seine beiden Töchter Ovid und die Bibel und seine Stücke lesen können?

Legt er keinen Wert darauf, dass sie ihm Briefe von Stratford nach London schreiben?

Für eine Biographie des Autors sind das schwerwiegende Fragen. Dass der Mann keinen Wert auf Bildung in seinem Hause, in seiner Familie legt, wirft ein finsteres Licht auf ihn.

Nicht auf einen Geschäftsmann namens Shakspere, der selber grade mal lesen, aber nicht schreiben kann und der, außer als gelegentlicher Schauspieler, mit der Welt der Kunst nur geschäftliche Beziehungen pflegt.

Wir haben hier ein weiteres Indiz, das in den Gesamtrahmen passt: Unbeleckt von klassischer Bildung kommt der Mann nach London, macht dort erfolgreich Geschäfte hauptsächlich rund ums Theater, auch gelegentlich als Geldverleiher, macht in seiner Heimatstadt weitere lukrative Geschäfte mit Agrargütern, investiert auch hauptsächlich in Stratford und baut sich fernab von London seine Existenz als reicher Gentleman auf, umgeben von einem Freundes- und Partnerkreis, der ebenfalls primär merkantil interessiert ist, diktiert schließlich ein Testament, das in Sprache und Inhalt seinen biederen und gemütskalten Geschäftsgeist dokumentiert und scheidet aus dem Leben, ohne dass ihn einer seiner angeblichen Autorenkollegen mit einem Nachruf beehrt.

Wir verstehen, warum die Stratfordianer allenfalls, wenn überhaupt, das Thema Bildung der Töchter mit einem Nebensatz abtun. Ja mei, es war halt damals nicht anders üblich mit der Frauenbildung …

Was würde ich als Stratfordianer tun – tun müssen? Ich würde systematisch erforschen, wie andere Leute mit hoher Bildung und genug Geld ihre Töchter haben erziehen lassen. Ich würde herauzufinden versuchen, was man über ihre Motive, den weiblichen Nachwuchs zu bilden oder nicht zu bilden, sagen kann. Vielleicht ergibt sich dabei eine Erklärung, sei es eine günstige oder eine üngünstige, für das überraschende Verhalten des Autors und Vaters. Das Thema einfach zu übergehen, wie es die Shakespeare-Biographie macht, ist eine Schande für jeden Biographen.

Was ist von einem Shakespeare zu halten, der immer wieder und ungewöhnlich oft selbstbewusste und klassisch gebildete Frauen auf die Bühne stellt, Frauen, die den Männern auf Augenhöhe begegnen – und der dann seine eigenen Töchter illiterat bleiben lässt?

Es gab auch damals die Möglichkeit, den Töchtern Bildung zu verschaffen. (Welche genau, in welchem Rahmen, mit welchen Grenzen, mit welchen Erfolgen, das wäre zu eruieren.) Warum hat unser Autor sie nicht genutzt? Es muss dafür Gründe geben, und sie wiegen schwer.

Eine dumme, peinliche Ausrede fiele mir ein: Vielleicht waren seine beiden Töchter völlig unbegabt? Zu dumm, um die Bibel und Ovid lesen zu lernen, zu ungeschickt, um schreiben zu lernen? – Ich weiß, das traut sich niemand vorzubringen. Aber was für Antworten gäbe es sonst?

Hat etwa der Autor seine eigenen Bühnenfiguren nicht erst genommen? (So, wie er – angeblich – auch bei seinen Sonetten nur gespielt hat?) Die starken Frauen kommen auf die Bühne vielleicht nur und ausschließlich deshalb, weil die Werke überwiegend zunächst für den Hof geschrieben wurden – und dort regierte eine höchst selbstbewusste und phänomenal gebildete Frau, Queen Elizabeth, die angemessen unterhalten sein wollte.

Reicht dies als Grund und Motiv für den Autor – der dann selbst, in seinem richten Leben, von solcher Frauenbildung und Frauenanmaßung nichts wissen wollte?

Kann einer überzeugende starke Frauenpersönlichkeiten wie Rosalind, Viola, Cordelia, die vier Damen aus Love’s Labour’s Lost, Miranda, Beatrice, Portia, etc. schaffen, wen er selber damit weder reiche persönliche Erfahrung noch Gründe hat, ihre Qualitäten zu schätzen?

Wie schon auf anderen Feldern (etwa dem, dass der Autor im Merchant of Venice gegen den Zins wütet, im wahren Leben aber selbst ein zinsnehmender Geldverleiher ist – um nur ein Beispiel zu nennen!), so scheint der Autor ein atembetaubend skrupelloser Heuchler zu sein. Oder er hat etwas Schiziphrenes an sich.

 

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