Walt Whitman

1819 – 1892. Der große amerikanische Poet der Romantik, der leidenschaftliche Kämpfer für Demokratie und für die Interessen der „kleinen Leute“. Seine Lyrik ist gesammelt in Leaves of Grass.

“Conceived out of the fullest heat and pulse of European feudalism — personifying in unparall’d ways the medieval aristocracy, its towering spirit of ruthless and gigantic cast, its own peculiar air and arrogance (no mere imitation) — only one of the ‚wolfish earls‘ so plenteous in the plays themselves, or some born descendent and knower, might seem to be the true author of those amazing works — works in some respects greater than anything else in recorded history.”

zit nach doubtaboutwill 

Whitman spricht hier über die Historienstücke. Ich übersetze:

Ersonnen aus Feuer und Herzschlag des europäischen Feudalismus, wie kein anderer die mittelalterliche Aristokratie personifizierend, der rücksichtslose und gewaltige Wurf eines überragenden Geistes, diese besondere Atmosphäre und Arroganz (keine bloße Imitation) – nur einer der „wölfischen Grafen“, die so zahlreich in den Stücken selbst auftreten, oder ein Nachfahr und Kenner, könnte der wahre Autor dieser erstaunlichen Werke sein – Werke, die in mancher Hinsicht größer sind als alles, was sonst geschichtlich überliefert wurde.

Whitman ist ein Shakespeare-Leser und Verehrer – zugleich ein moderner Mensch und ein Demokrat. Er spürt beim Lesen: Da spricht ein Aristokrat. So spricht keiner, der sich als Bürgerlicher ans aristokratische Milieu zu assimilieren versucht – und dann noch zugleich alles Geld und alle Energie in ein bieder-bürgerliches Honoratiorenleben in seiner ländlichen Kleinstadt investiert.

Kann man Whitman etwas aus der Abqualifizierungsliste von Stanley Wells vorwerfen?

Niemand käme auf die Idee, Whitman als Snob zu bezeichnen. Oder als einen, der zur Verrücktheit neigt. Hier zum Überlegen nochmal die Liste:

psychologische Abirrung, Snobismus, Logikschwäche, Unfähigkeit, Beweise zu akzeptieren, Öffentlichkeits-Geilheit, klinische Verrücktheit.

Wie erklären sich die Stratfordianer den krassen Gegensatz, den Whitman erkennt zwischen dem Bürgerlichen aus Stratford, der unverkennbar und penetrant bieder-bürgerlich lebt und denkt und handelt – und dem Autor, der die Welt mit hocharistokratischen Augen sieht und in dem wir das Feuer und den Herzschlag des europäischen Feudalismus spüren?

Kennen Sie einen Versuch eines Stratfordianers, sei es in einer Biographie oder in einem Aufsatz, der uns diesen Gegensatz und Widersprüch erklärt?

Warum ignorieren die Stratfordianer die Whitman’sche Herausforderung?

Geben Sie mir nicht zumindest zu, dass der von Whitman markierte „Feudalismus“ (und sein Gegensatz zum bürgerlichen Leben des Mannes aus Stratford) ein ebenso naheliegendes wie spannendes Thema für Anglisten und Shakespeare-Forscher wäre?


Falls Sie etwas bei den Stratfordianern finden, melden Sie es mir bitte! Unten können Sie Hinweise anbringen!

Ich vermute, sie leugnen einfach, dass es diese aristokratische Perspektive im Werk überhaupt gibt, oder sie geben vor, ihr Shakespeare habe sich eben so genial vollständig in diese aristokratische und höfische Welt hineingedacht – ohne natürlich im wirklichen Leben viel damit zu tun zu haben.

Share

Leave a reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *